18. März 2010, Innsbruck

Ausstellungseröffnung aut.raumproduktion - konstruieren, 20h, aut. architektur und tirol, Innsbruck

Colletivo 99: Giovani Tecnici Aquilani -  L'Aquila - riconversione oltre la ricostruzione

Kurator: Matthias Böttger

 

[konstruieren] - etwas errichten, aufstellen, fügen. Dinge zusammenführen, Zusammenhänge herstellen, entwickeln. Die Konstruktion einer Identität, eines Hauses oder einer Stadt wird von einer Vision, einer Idee geleitet. Etwas Neues aufzubauen, etwas, das die Gesellschaft nach vorne bringt. Jede neue Entwicklung baut auf vorherigen auf und bedient sich rationaler Regeln und Techniken, aber anders als die reine Rekonstruktion, der Wiederaufbau von etwas Altem, oder die Dekonstruktion, die Auflösung in Zeichen und Verweise, ist das Konstruieren eine optimistische, produktive Haltung. Gedanklich wie physisch entstehen neue Räume. Die Konstruktion von Raum ist auch Produktion von Machtverhältnissen - denn mit der Konstruktion geht die Deutungshoheit einher, von wem und in welcher Weise der konstruierte Raum genutzt werden soll. Auch wenn diese Deutungshoheit subversiv unterlaufen werden kann, ist es für die Produktion von Raum nicht nur wichtig, wer konstruiert, sondern vor allem: für wen und von wem beauftragt. (Raumtaktik)

Collettivo 99: L'Aquila – riconversione oltre la ricostruzione

Unmittelbar nach dem Erdbeben im April 2009, bei dem große Teile der Stadt L'Aquila zerstört wurden, hunderte Menschen umkamen und zehntausende zu Obdachlosen wurden, bildete sich mit dem "Collettivo 99" ein interdisziplinäres Kollektiv junger Fachleute aus der Umgebung von L'Aquila, die den Wiederaufbau ihrer Stadt und damit die Zukunft des eigenen Lebensraums selbst in die Hand nehmen möchten.

Die zwischen Strategie und Taktik, zwischen Protest und Vorschlag und zwischen Forschung und politischer Intervention angesiedelten Aktivitäten der Bürgerinitiative konzentrieren sich auf zwei Fronten. Zum einen wehren sie sich gegen die von der Regierung aufoktroyierten Wiederaufbaumaßnahmen und arbeiten an der Entwicklung einer schnell funktionierenden Alternative zu dem von der Regierung Berlusconi angeordneten Projekt C.a.s.e., das die obdachlos gewordene Bevölkerung in neu gebauten Wohnblocks außerhalb der Stadt umsiedeln will. Zum anderen sehen sie in der fatalen Situation nach dem Erdbeben auch die Chance einer weitreichenden Verbesserung der Qualität der Stadt und ihres Umlands. 

In enger Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, mit Unternehmen und führenden Personen der Region und unter Einbeziehung externer Experten verfolgen sie das Ziel, einen Masterplan zu entwickeln, in den globale Themen der heutigen Zeit wie ökologische Nachhaltigkeit genauso einfließen wie die konkreten Bedürfnisse der heutigen und v. a. zukünftigen Bevölkerung von L'Aquila. In einer bislang gegenüber Neuerungen verschlossenen Stadt möchten sie einen tragfähigen Prozess der Transformation in Gang setzen, der über das "reine Zusammensetzen von Scherben" hinaus geht und L'Aquila in eine nachhaltige Stadt des 3. Jahrtausends verwandelt. 

"L'Aquila wird sich verändern, und es wäre gut, wenn dies auf dem besten Weg passiert. Auch wenn es in aller Augen von höchster Dringlichkeit ist, die Stadt so wieder aufzubauen, dass sie in Zukunft Katastrophen standhält, so darf es nicht geschehen, dass wir uns in einer Stadt wiederfinden, die zwar stark ist in Hinblick auf Erdbeben, aber schwach gegenüber allen anderen, weitaus voraussehbareren Entwicklungen." (Collettivo 99)

collettivo 99 – giovani tecnici aquilani
gegründet im April 2009 als unabhängiger Zusammenschluss junger, unter vierzigjähriger, Architekten, Ingenieure, Stadtplaner, Geologen, Geografen, Soziologen, Anthropologen, Wirtschafter, Philosophen, Schriftsteller, Historiker etc. aus der Umgebung von L'Aquila

 

Veranstaltungsreihe

aut.raumproduktion

 

Link

Collettivo 99 – Giovani Tecnici Aquilani