07. Mai 2010, Innsbruck

Ausstellungseröffnung aut.raumproduktion - besetzen, 20h, aut. architektur und tirol, Innsbruck

Sandi Hilal, Alessandro Petti, Eyal Weizmann: Ungrounding

Kurator: Matthias Böttger

 

[besetzen] – einnehmen, erobern, halten. Orte, Räume, Stühle, Telefonleitungen werden besetzt. Es kann zu Konflikten führen, wenn sie auch von anderen beansprucht werden. Besetzen ist ein wichtiger Baustein der Raumproduktion. „Hier ist schon besetzt.“ Handtücher sind vielleicht die kleinsten Flaggen, die gehisst werden um Liegestühle und Strandabschnitte zu markieren. Räume werden nicht nur durch Besitz besetzt, sondern auch durch Geschichten und Infrastrukturen, durch Erinnerungen und Bebauungen. Immer findet ein Kulturtransfer statt und ein Zurückkehren zum davor ist nicht möglich. Es wird immer ein anderer Ort sein. Auch seinen Platz in der Gesellschaft nimmt man ein und versucht ihn besetzt zu halten. Besetzer können dabei von unten kommen und ihre Macht erst gegen die Besitzer entwickeln oder von oben, um zu kontrollieren und Macht zu verteidigen. (raumtaktik)

Sandi Hilal, Alessandro Petti, Eyal Weizman: Ungrounding

Der Architekt Eyal Weizman macht Architekten und ihre Planungen für die „civilian occupation“ in den von Israel besetzen Gebieten in Palästina mitverantwortlich. In seinen Publikationen und der Ausstellung „Territories“ zeigte er, wie jüdische Siedlungen strategisch platziert sind und wie mit Infrastruktur und einer vertikal aufgeteilten Topografie Machtverhältnisse etabliert und gesichert werden. 

Gemeinsam mit Sandi Hilal und Alessandro Petti unterhält er derzeit ein Büro in Bethlehem, das über die Zukunft und mögliche Nachnutzungen von verlassenen Siedlungen und ehemaligen Militärstützpunkten forscht: „Decolonizing Architecture“. Mit konkreten Vorschlägen greifen sie direkt in die räumliche Realität des Konflikts ein und schlagen unterschiedlichste Wege vor, wie Architektur und Planung als taktische Interventionen in einem politischen Prozess genutzt werden können. Sie möchten weder eine Utopie, noch eine endgültige Lösung bereitstellen, sondern einen Ausblick auf mögliche räumliche Transformationen („Decolonizing“) geben und ein breites Feld politischer, sozialer und kultureller Praktiken für „present returns“, für ein Wieder-Nutzen oder ein Wieder-Bewohnen in diesem konfliktreichen Bestand möglich machen. 

Was kann mit den aufgelassenen Militärbasen, was mit den verwaisten Siedlungen geschehen? Wie können militärisch instrumentalisierte Planungen zu einem Mehrwert für ein gemeinschaftliches Leben transformiert werden? Die Vorschläge reichen von der Perforation der Wände einer Militärbasis und der damit verbundenen Umnutzung eines Gebäudes in einen Lebensraum für tausende Zugvögel („Return to Nature“) über das teilweise Eingraben von Bauten bis zum Abtragen der Oberfläche einer Siedlung, womit gleichzeitig die ursprünglichen Organisations-, Besitz- und Machstrukturen verschwinden („Ungrounding“). 

Für die jüdische Siedlung P’sagot entwickelten sie „Deparceling“ und projizieren eine Karte von 1954, die die ursprüngliche Parzellierung des Gebietes auf dem Hügel Jabel Tawil zeigt, über die aktuelle Siedlungsstruktur. Die alten, gewachsenen Grenzlinien schneiden willkürliche Wege durch die suburbane Struktur, neue Beziehungen zwischen Häusern und Parzellen, Innen- und Außenräume, öffentlichen und privaten Räumen können entstehen.

sandi hilal
Architektin; lebt und arbeitet in Bethlehem; 2001 – 05 Assistentin an der IUAV, Venedig; derzeit Gastprofessorin an der International Academy of Art, Palästina sowie Beraterin der UNRWA; Co-Kuratorin des Projekts „Decolonizing Architecture“

alessandro petti
Architekt, Urbanist und Wissenschaftler; lebt und arbeitet in Bethlehem; Professor am Honors College Al-Quds/Bard University in Abu Dis, Jerusalem; Leiter 
des reasearch office decolonizing.ps; Zahlreiche Publikationen und Forschungsprojekte u. a. 2007 „Archipelagos and enclaves“; 2009 „Future Archeology“

eyal weizman
Studium an der Architectural Association London; 2004 – 06 Professor für Habitat, Environment and Conservation an der Akademie der bildenden Künste, Wien; Direktor des Centre of Architectural Research am Goldsmith’s College London; lebt und arbeitet in Tel Aviv und London; Publikationen u. a. 2003 „A Civil Occupation“; 2007 „Hollow Land“; Auszeichnungen u. a. „James Stirling Memorial Lecture Prize 2006/ 07“

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Akademie Schloss Solitude

 

 

Veranstaltungsreihe

aut.raumproduktion

 

Link

Decolonizing architecture