Azra Aksamija: Flocking Mosque
Curator: Matthias Böttger
(in German only)
[mitnehmen] -
mitführen, wegtragen, bei sich tragen. Mitnehmen beschreibt sowohl eine
aktive Handlung als auch psychisches und physisches Empfinden und
Belasten. „Soll ich dich mit dem Auto mitnehmen?“ „Ja bitte, der
Vortrag hat mich heute richtig mitgenommen, ich bin total fertig.“
„Stimmt. Das Thema war heute sehr bedrückend aber ich konnte für mich
persönlich einiges mitnehmen.“ „Wenn du möchtest, können wir uns am Weg
noch was mitnehmen und zuhause essen.“ Mobilität und Flexibilität
verlangen von Menschen in kürzester Zeit mehrere Aufgaben an
verschiedenen Orten zu bewältigen. Lebenswichtige persönliche Bräuche
und Gewohnheiten verliert man auf dem Weg, wenn man nicht aufmerksam
bleibt und sie mitnimmt. Kultur mitzunehmen bedeutet nicht, etwas
wegzunehmen, einen Mangel zu hinterlassen. Im Gegenteil, man erzeugt
eine Basis zur Interaktion mit anderen Kulturen und schafft
Möglichkeiten eines offenen Dialogs, wenn man seine Werte und
Überzeugungen vertritt. (raumtaktik; nach einer Arbeit von Stefanie
Budweiser aus dem Seminar „Kuratorische Praxis")
Azra Aksamija: Flocking Mosque
Eine Moschee kann sehr verschiedene Formen annehmen - im Islam gibt es
prinzipiell keine Vorgaben zur Architektur und Gestaltung eines
Gebetsraums. Die ganze Welt kann Moschee sein, „Ort des Niederwerfens
vor Gott“ (arab. „masdschid“), sofern die minimalen Anforderungen
erfüllt werden: ein nach Mekka ausgerichteter und spirituell reiner Ort
des Gebets.
Azra Aksamija interpretiert dieses Konzept der „Welt als Moschee“ neu.
Die religiösen Vorgaben respektierend zielen ihre Arbeiten darauf ab,
traditionelle Formen und Funktionen der Moscheen in einem
zeitgenössischen Kontext zu hinterfragen und dabei einen konstruktiven
interkulturellen Dialog zu fördern. So ist ihre „Nomadic Mosque“ ein
Kleidungsstück, das mit einigen Handgriffen zu einer Minimalmoschee
umgebaut werden kann. Eine tragbare Architektur, die einen
„Instant“-Gebetsraum für zwei Personen entstehen lässt. In ihrer
Gestaltung kann sie den individuellen Anforderungen und Erfahrungen der
Gläubigen angepasst werden - etwa auch als „Dirndlmoschee“. Ihre
mobilen Raumproduktionen, sozusagen Bekenntnisse zum Mitnehmen, zeigen
die unterschiedlichen Zustände und Bedürfnisse einer kosmopolitischen
Generation Muslime auf und dekonstruieren zugleich die zumeist
territorial geprägte Behauptung religiöser Räume durch eine nomadische
Architektur.
Im aut zeigt Aksamija ihr von der islamischen Ornamentik
inspiriertes Projekt „Flocking Mosque“, eine Moschee aus Textil, die
die geometrischen Muster islamischer Bauwerke aufnimmt und sie dem
Verhalten der Gläubigen gegenüberstellt. Ein Blütenkranz bietet zwölf
Gläubigen Raum für ihr Gebet und stellt eine saubere Oberfläche für
jene Körperteile zur Verfügung, die dabei den Boden berühren: zwölf
Paar Hausschuhe, zwölf Paar Handkissen, zwölf Kopfkissen und in der
Mitte ein Beutel mit zwölf Gebetskränzen und einem Kompass. Das
geometrische Muster - Ausdruck der Logik und Ordnung, die der
islamischen Sichtweise des Universums innewohnen - wird im Gebrauch zur
visuellen Analogie der religiösen Verhaltensweisen.
azra aksamija
geb. 1976 in Sarajevo; Künstlerin, Architektin und
Architekturhistorikerin; Architekturstudium an der TU Graz und an der
Princeton University; forscht derzeit als PhD-Kandidatin am Institut
für Architekturtheorie und Architekturkritik am MIT (Aga Khan Program
for Islamic Architecture) über zeitgenössische Moscheen-Architektur im
post-sozialistischen Bosnien-Herzegowina
ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen 2008 „Portable Mosque“, IPC Gallery, Sarajevo; 2007
„Kunstmoschee“, Secession Wien; Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen u.
a. 2002 Generali Foundation, Wien; 2003 Biennial de Valencia; Galerie
für Zeitgenössische Kunst, Leipzig; 2004 Liverpool Biennal; 2005
Krannert Art Museum, Champaign; Galerie 5020, Salzburg; Witte de With,
Rotterdam; 2006 University of California Art Museum, Santa Barbara;
2007 Stadsgalerij Heerlen; 2008 Manifesta 7, Rovereto; Regionale 08,
Steiermark; NAi Rotterdam; 2009 Stroom Den Haag; Ander Art Festival
2009, München; 2010 Jüdisches Museum Wien; Cleveland State University
Art Gallery, Cleveland
Eine Ausstellung mit freundlicher Unterstützung durch KulturKontakt Austria
Veranstaltungsreihe
aut.raumproduktion
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