November 06, 2010, Innsbruck
Chrsitoph Engel: Superficies – Ungefähre Landschaft
Curator: Matthias Böttger
(in German only)
[zusammensetzen] –
kombinieren, verbinden, addieren, zu einem Ganzen machen, aus bekannten
Einzelteilen entsteht ein Neues, Ganzes, Großes. Manchmal sind die
Teile abstrakt und nur das Ganze verständlich, manchmal eröffnet das
Ganze wieder neue abstrakte Perspektiven. Einheit in der Vielheit.
Vielheit in der Einheit. Neue Verbindungen schaffen Austausch und wenn
sich Menschen zusammensetzen, nennt man es Kommunikation. Es entstehen
neue Formen, Muster, Beziehungen und Räume. Unser Wissen, unsere
Gedanken, unser Leben und unsere gelebte Umwelt setzen sich aus
Fragmenten von Erfahrungen, Ereignissen und Erinnerungen zusammen. Das
Eingreifen des Menschen in die Natur verändert räumliche Strukturen,
die unsere „conditio humana“ widerspiegeln. Wir nehmen Fragmente dieser
Welt wahr, verarbeiten sie in unserem Gehirn zu Bildern und
konstruieren so individuelle Versionen der gelebten Umwelt. Die Collage
ist ein Prinzip der Verfremdung und Abstraktion, aber auch der
Erklärung und Konzentration. Existiert die Welt so wie wir sie
wahrnehmen? Oder sind wir nur Illusionskünstler und
Geschichtenerzähler? (raumtaktik)
Christoph Engel: Superficies – Ungefähre Landschaft
Christoph Engel bedient sich bei seiner Serie „Superficies“ dem für
alle zugänglich und alltäglich gewordenen Programm Google Earth. Wie
die Google-Fotografien selbst sind seine Bilder Konstrukte einer
Landschaft, zusammengesetzt aus hunderten, oft zu unterschiedlichen
Zeitpunkten aufgenommenen Einzelbildern. Engel verzichtet jedoch
bewusst auf eine konkrete geographische Verortung seiner Bilder. Ihm
geht es nicht um den Ort an sich, sondern um die
Wahrnehmungsverschiebung, die durch die Einnahme dieser nicht
alltäglichen Perspektive stattfindet.
In seinen Fotografien fehlt auch eine konkrete Zeitbestimmung. Das
Nebeneinander unterschiedlicher Zeitlichkeiten innerhalb ein und
desselben Bildes untergräbt damit ganz bewusst den scheinbar
dokumentarischen Charakter des fotografischen Abbildes. Im
Spannungsfeld von Bild und Abbild findet eine künstlerische Umformung
statt, die die Frage nach der übergeordneten, sich autonom von Ort und
Zeit im Bild konstituierenden Landschaft und daraus folgend die eigene
Realität des Bildes ins Zentrum rückt.
Durch den Wechsel zwischen Distanz und Nähe offenbaren sich in Engels
Fotografien entweder kleinste Details oder es dominieren großflächige
Muster. So werden Siedlungsstrukturen zu einem ornamentalen Gewebe aus
verwobenen Linien, die Flachdächer unzähliger Gewächshäuser zu einem
dichten, teppichartigen Mosaik. Die Grüns eines Golfkurses in einer
nackten, felsigen Landschaft erinnern plötzlich an eine ausgestreckte
Hand und die Ränder künstlich bewässerter Felder gehen für einen Moment
als Muster von Pailletten auf einem dekorativen Stoff durch. Der
„göttliche Blick“ von oben vermittelt eine Abstraktion in Linien und
Flächen, eine Über-Realität, die man so nie sehen oder erleben kann.
Christoph Engels „ungefährer“, räumlich und zeitlich unscharfer, Blick
auf die Welt lässt Bilder von ambivalentem Charakter entstehen. Formal
ästhetisch erzeugen sie zugleich ein Gefühl der Bedrückung, indem sie
die Ausmaße menschlicher Eingriffe in die Natur zeigen: riesige
Betonflächen, Suburbias, ökologische Katastrophen, landwirtschaftliche
Großstrukturen oder Golfplätze mitten in der Wüste.
christoph engel
geb. 1975 in Karlsruhe; 2001 – 06 Studiengang Kommunikationsdesign an
der Fachhochschule Dortmund; seit 2006 freier Fotograf (Landschaft,
Architektur, Reportage) und Buchgestalter; Lehrtätigkeit an der
Architekturfakultät, dem Institut für Kunstgeschichte und dem Institut
für Bildende Künste der Universität Karlsruhe; seit 2009 Dozent für
Schrift und Bild im Studiengang Fotografie an der Folkwang Universität
der Künste, Essen; 2007 Mitarbeit an der Publikation und
Ausstellungsreihe „Sichtbeton, Betrachtungen. Ausgewählte Architektur
in Deutschland“; 2009 – 10 Publikation und Ausstellungsreihe „Ungefähre
Landschaft“, u. a. C/O Berlin; Galerie Lindner & Schidlowski,
Münster; Goethe-Institut Stockholm und Württembergischer Kunstverein
(im Rahmen des Fotosommers Stuttgart)
Veranstaltungsreihe
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