19. Februar 2010, Innsbruck
Ausstellungseröffnung aut.raumproduktion - verstetigen
Manuel Herz: Flüchtlingslager
Kurator: Matthias Böttger
[verstetigen] – etwas Temporäres, Vorübergehendes festhalten,
eine eigentlich nur kurzfristig gedachte Maßnahme dauerhaft machen,
frisch entstandene Verhältnisse festigen, neue Entwicklungen
konsolidieren, ungewisse und weiche Strukturen stabilisieren. Menschen
auf der Flucht schlagen, wenn sie lange nicht zurückkehren können, an
neuen Orten Wurzeln. In fremden Ländern und Städten passen sie sich an
die lokalen Gegebenheiten an und bringen gleichzeitig ihre Kultur ein.
Die Gemeinschaften entwickeln sich fort und stellen die Basis für die
nächste Erweiterung dar, sofern sie auf fruchtbaren Boden gefallen
sind, auf eine offene Gesellschaft treffen. Oft finden Flüchtlinge aber
abweisende oder gar feindliche Bedingungen vor. Wenn die neue
Gemeinschaft also auf ödem Sand gebaut wird, bedeutet ein Verstetigen
das Konservieren von Unmenschlichkeit. Solche Orte der Exklusion,
Ghettos, Lager, soziale Brennpunkte, abgehängte Regionen müssen
verflüssigt werden, anstatt sie in ihrer Hoffnungslosigkeit erstarren
zu lassen. (Raumtaktik)
Manuel Herz: Flüchtlingslager – Idealstädte in Staub und Schmutz
Flüchtlingslager sind für den Architekten Manuel Herz die vermutlich
direkteste Umsetzung von Politik in Raum. Ausgehend von konkreten
Situationen in West- und Zentralafrika setzt er sich mit den
Auswirkungen einer bedenklichen Planungsstrategie auseinander. Herz
hinterfragt dabei die Rolle des Architekten und Planers in einem
Kontext von humanitärer Hilfe in Reaktion auf kriegerische
Auseinandersetzungen. So werden beispielsweise die derzeit rund
tausend, weltweit existierenden Flüchtlingslager in den meisten Fällen
nach ein und demselben Modell der UNHCR gebaut.
Beginnend beim Zelt als zentralem Element in der Ordnungsstruktur und
Systematik werden die Lager hierarchisch in Cluster, Blöcken und
Sektoren organisiert, durch Wege unterteilt und durch Straßen
erschlossen. Dieser auf rein technischer Ebene abgehandelte
Planungsansatz ignoriert die sozialen, politischen und
gesellschaftlichen Konsequenzen. Lokale Gegebenheiten und soziale
Auswirkungen werden negiert, etwa wenn für Lager im Süden des Tschad
bewaldete Flächen mitten in Naturschutzgebieten als Standort zugewiesen
werden oder gigantische „Suburbias“ ohne jede städtische Struktur
entstehen. Welche Auswirkungen haben Planungsstrategien, wenn sich
ursprünglich temporär geplante Flüchtlingslager nach 35 Jahren zu den
größten urbanen Siedlungen der gesamten Sahara entwickeln? In wie weit
eignen sich gerade die technischen Planungsmodelle für eine politische
Instrumentalisierung?
Auf Basis seiner Recherchen und mittels ausgewählter Dokumente
verdeutlicht Manuel Herz in der im aut gezeigten Ausstellung die
Architektur der Flüchtlingslager als Beispiel einer auf europäischen
Normen basierenden, fortgesetzten, verstetigten, kolonialen Praxis.
„Mit einem einzigen Modell in allen Krisengebieten operieren zu wollen,
spiegelt in fast entblößender Weise die Mechanismen und Muster der
Kolonialisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts wieder, die Werte der
Aufklärung in das „wilde Afrika“ oder den Orient bringen sollten. Die
schöne Ordnung, die auf westeuropäischen Wertevorstellungen beruht,
wirkt jedoch in der staubigen Hitze der Wüste oder den Tropenwäldern,
und häufig in nächster Nähe zu kriegerischen Auseinandersetzungen wie
eine Narrenplanung.“ (Manuel Herz)
manuel herz
geb. 1969; Architekturstudium an der RWTH Aachen und an der
Architectural Association London; 1995 – 97 Mitarbeit bei Daniel
Libeskind; seit 1999 eigenes Büro in Köln; Lehrtätigkeit an der
Kungliga Tekniska Högskolan, Stockholm; Bartlett School of
Architecture, London (2000 – 02); Berlage Institute, Rotterdam; Harvard
Graduate School of Design; ETH Studio Basel; lebt und arbeitet in Basel
und Köln
bauten und projekte (Auswahl)
Architekturprojekte in Deutschland und Israel, u. a. 2001 – 03
Erweiterung und Umbau des Städtischen Museums in Ashdod, Israel (gem.
mit Eyal Weizman und Rafi Segal); 2003 Wohn- und Geschäftshaus
„Legal/Illegal“, Köln (Deutscher Architekturpreis); in Bau: Jüdisches
Gemeindezentrum, Mainz (Wettbewerb 1999); zahlreiche
architekturtheoretische Texte u. a. zum Verhältnis von Judentum und
Raum, zur „Architektur des humanitären Handelns“ bzw. zu den
Planungsstrategien von Flüchtlingslagern.
Veranstaltungsreihe
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