Updating Germany

Der Deutsche Beitrag zur XI. Internationalen Architekturbiennale in Venedig, 2008

  

 

Die Vertreibung aus dem Paradies ist endgültig. Dennoch ist das Paradies, ob als Hortus Conclusus oder als Schlaraffenland, fester Bestandteil unserer Idealvorstellungen. Der Apfel der Erkenntnis und die Philosophie der Aufklärung haben uns kulturell geprägt. Wir wissen, dass wir nicht zu einem vermeintlich idealen Urzustand zurückkehren können, sondern den Blick nach vorn richten müssen. Die großen sozialen und ökologischen Probleme stehen uns deutlich vor Augen. Doch gleichzeitig erkennen wir auch, dass es nicht den einen, richtigen Weg gibt, und, dass es unmöglich ist, die Folgen heutigen Handelns für die Zukunft vollständig vorher zu sehen. Es gilt also, den Zustand von Unabwägbarkeit auszuhalten, zwischen einer Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen und mehrere Optionen parallel zu verfolgen. In unserer komplexen, individualisierten Welt wird diese Multioptionalität zur Herausforderung – vermeintlich alles entscheiden zu können und dennoch den globalen Entwicklungen scheinbar ausgeliefert zu sein.

Updating Germany – Projekte für eine bessere Zukunft heißt der deutsche Beitrag zur 11. Internationalen Architekturausstellung der Biennale Venedig 2008. Die Generalkommissare Friedrich von Borries und Matthias Böttger/raumtaktik zeigen 20 Projekte von Architekten, Designern, Ingenieuren und Künstlern –  kleine und große Schritte in Richtung einer besseren Zukunft. „Die Welt ist im Ungleichgewicht – ökonomisch, ökologisch und sozial. Architektur und Städtebau können die Welt nicht retten – aber einen Beitrag leisten und tun es auch“, so die Generalkommissare. „Es wird gespart, gedämmt und optimiert. Doch damit sind die Möglichkeiten des Entwerfens und räumlichen Intervenierens noch lange nicht erschöpft. Uns interessiert das, was über den neuesten Stand der Technik hinausgeht: neue Konzepte, Denkweisen, Strategien, die – Schritt für Schritt – Verhaltensweisen und Lebensvorstellungen erneuern.“ Nicht gebaute Architektur, sondern Forschungsarbeiten, Gestaltungsexperimente und Pilotvorhaben, die in die Zukunft weisen, stehen im Fokus. Die Beiträge stammen nicht nur aus Architektur und Städtebau, sondern auch aus der Biotechnologie, den Medien, der Energieerzeugung, Transport und Verkehr, Ernährungsforschung und anderen Disziplinen – neue Konzepte, Denkweisen, Strategien: Updates unserer Welt. Updates kennen wir von Computerprogrammen: Bestehendes wird schrittweise weiterentwickelt, soweit sinnvoll, verbessert, Nichtfunktionales durch Neues ersetzt. Manchmal schleichen sich auch neue Fehler ein. Ein Update ist ein verzweigter Entwicklungspfad mit Sackgassen und Umwegen, der aber zu großen Veränderungen führen kann.
 
Die Ausstellungsgestaltung des deutschen Beitrags greift die globalen Herausforderungen auf: Den Mittelpunkt der Ausstellung bildet ein Mobile als Symbol für die stetige Suche nach Gleichgewicht und die Komplexität der Systeme, in denen wir uns heute befinden. Verändert man einen Parameter, gerät das ganze System in Bewegung – eine Eigenschaft, die zur Vorsicht mahnt, aber auch Hoffnung macht. In diesem Mobile werden 20 Projekte aus Forschung, Design, Wissenschaft und Kunst gezeigt – kluge, überraschende und manchmal ganz einfache Ideen. Doch genauso wie die Welt ist auch das Mobile aus der Balance geraten. Die vorgestellten Updates alleine können die globale Schieflage nicht wieder ins Gleichgewicht bringen. Sind die präsentierten Ideen zu leicht oder zu schwer? Welche weiteren Updates brauchen wir für eine Balance? 
Die Architekten Friedrich von Borries und Matthias Böttger arbeiten mit einem erweiterten Architekturbegriff, der die gesamte gelebte Umwelt und deren ökonomischen und politischen Abhängigkeiten einbezieht – ganz nach dem Motto der Architekturbiennale „Out There: Architecture Beyond Building“. 
 
Ihren Beitrag verstehen sie als  Suchbewegung: Vielleicht wird man über einige der vorgestellten Projekte und Ideen in ein paar Jahren lachen, so wie wir heute über manche Technikvision der Moderne schmunzeln. Aber wahrscheinlich werden einige von ihnen rückblickend als Wegbereiter für ein neues Denken, vielleicht sogar eine neue Epoche, anerkannt. Unser Beitrag kann keinen eindeutig richtigen Weg in die Zukunft weisen. Updating Germany stellt Fragen  – an Architekten, Städtebauer, Designer, an alle Besucher der Ausstellung: „Wie wollen wir leben?“, „Was können wir tun?“ Mögliche Antworten werden nicht nur in der Ausstellung, sondern auch in den beiden Begleitpublikationen gegeben: Im Katalog „Updating Germany. 100 Projekte für eine bessere Zukunft“ anhand einer Vielzahl von Projekten, die verschiedene Handlungsoptionen repräsentieren, im Kommentarband „Bessere Zukunft? Auf der Suche nach den Räumen von Morgen“ in Gesprächen u.a. mit Peter Sloterdijk, Aaron Betsky, Herfried Münkler und Adrienne Goehler.

 

Ausstellungsdauer: 14. September bis 23. November 2008

Gerneralkommissare und Kuratoren: Friedrich von Borries, Matthias Böttger
Grafikdesign: onlab, Berlin
Ausstellungsdesign: raumtaktik, Berlin und onlab, Berlin
Projektleitung: Füsun Türetken
Entwurf und Produktion: Wiesje Bijl, Etta Dannemann, Christian Hiller
Team: Moritz Ahlert, Ines Bergdolt, Felix Demme, Florian Heilmeyer, Benjamin Kasten, Tobias Kurtz, Alexandre Mussche, Marzia Panai, Giulia Tubelli, Alon Trostanetsky, Keke Ye
Kommunikation: sbca sally below cultural affairs, Berlin

Gefördert wurde der Beitrag durch das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

 

Ausgestellte Projekte im Deutschen Pavillon

001 Energiebunker - Städtische Initiative für erneuerbare Energien in Hamburg, 2007/08 (Ausschreibungen)
010 Pink Project - PR-Kampagne in New Orleans, 2007
014 Prosolve 370E -Fotokatalytisches Modulsystem für umweltverschmutzte Stadträume, 2006
018 Schulbausteine für Gando - Schulgebäude in Burkina Faso
025 Die Große Pyramide - Kollektive Grabstätte in Dessau-Rosslau, Planungsphase
027 The Green Desert Mine - Autonome Stadtutopie in der östlichen Sahara
031 Bioenergiedorf Jühnde - Energieautarkes Dorf in Jühnde, seit 2005
032 2100 Elsdorf am See - Landschaftsgestaltung in Elsdorf, 2010-2100
038 Stadtinseln - Radikales Sanierungskonzept in Dessau, 2002-2010
045 MEtreePOLIS - Stadt der Zukunft in Atlanta, USA, 2007 (Konzept)
051 Solarenergiemembranen - Solarfolie, 2008
060 Tissue Engineering - Materialforschung, 2006
062 SkySails - Zugdrachenantriebssystem, seit 2005
063 SPREE2011 - Technologie zur Gewässerreinigung in Berlin, 2009 (Pilotanlage)
072 Lesezeichen Salbke - Freiluftbibliothek in Magdeburg-Salbke, 2009
077 United Bottle - Prototyp, 2007
083 Digitaler Strom - Digitale Energieregulierung über das Stromnetz, 2009/20100
087 Solarbier - Nachhaltige Bierbrauerei in Thalmannsfeld, 2007
091 Loremo / 074 Carriva Mitfahrclub - Loremo Sportwagen, 2010 / Carriva Carsharing Software, 2008
099 Fachwerkhaus Lorsch - Nachhaltige Renovierung in Lorsch, 2002-2006

64-kw
Technical Paradise - Installation mit 50 Apfelbäumen im Deutschen Pavillon, Venedig, 2008
ReDesign - Möbel aus recycelten Spanplatten
Updating TV - Kommentatoren-Kollektor im deutschen Pavillon, Venedig, Italien, 2008

Begleitpublikationen
Katalog „Updating Germany. 100 Projekte für eine bessere Zukunft“
Kommentarband „Bessere Zukunft? Auf der Suche nach den Räumen von Morgen“

Folgeausstellungen
Updating Germany im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt, 2008
Paradise Lounge DMY, Beitrag zum DMY Youngsters, International Design Festival Berlin, 2009
Updating Germany im Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg, 2009
Updating Germany in China, Shanghai Design Center, Shanghai 2009

 

 


Foto: Eingang Deutscher Pavillon © Mario Ermoli


Foto: Hauptausstellungsraum Updating Germany © David Grandorge


Foto: Hauptausstellungsraum Updating Germany © David Grandorge

 
Fotos: Hauptausstellungsraum Updating Germany Foto links © Mario Ermoli ; Foto rechts: © Benjamin Kasten


Foto: Eröffnung © Alexander Branczyk


Foto: Eröffnung © Benjamin Kasten


Foto: Eröffnung © Alexander Branczyk


Foto: Hauptausstellungsraum Updating Germany © Mario Ermoli


Foto © Benjamin Kasten


Foto © Mario Ermoli

 
Foto rechts © Mario Ermoli


Foto © David Grandorge

 
Foto links und rechts © Mario Ermoli

 
Foto links: Redesign und Foto rechts: Technical Paradies © Benjamin Kasten


Foto: Technical Paradise © Benjamin Kasten


Foto: Technical Paradise ©


Foto: Sängerin Bernadette La Hengst © Benjamin Kasten